Alte Obstsorten – Äpfel, Pracht und Fülle!

Jeder kennt vermutlich die Situation – man geht in einen Supermarkt und schaut durch die Regale der Obst- und Gemüseabteilung. Da finden sich dann so Sachen wie Jonagold, Elstar, Braeburn oder neuerdings klangvolle Namen wie Pink Lady, Cripps Pink oder Kiku. Ein Blick auf das Etikett verrät schnell, woher das Obst stammt.

Wer im Sommer, also ausserhalb der Saison, Äpfel kauft, hat im Grunde nur zwei Möglichkeiten:

Sie stammen entweder aus den teils übervollen CA-Lagern der Großmärkte oder wurden um die halbe Welt geschifft aus Südamerika oder Neuseeland. Beides eher nicht optimal.

Das die heutigen Apfelsorten bei weitem nicht mehr das an Inhalt liefern, was noch vor 100 Jahren in einem Apfel enthalten war, kommt langsam in den Köpfen an. „An apple a day keeps the doctor away“ ist schon lange ad acta gelegt.
Auch in der Züchtung folgt der Trend dem heutigen (anerzogenem) Geschmackssinn des Menschen – Hauptsache süß!
Und so schmecken sie dann auch, die blank polierten, glänzenden, makellosen Äpfel in der Auslage.
Selbst der ökologische Landbau bietet nur selten Alternativen. Die Früchte schmecken zwar zumeist etwas besser, und sind sicherlich auch ein bißchen gesünder, aber gesund sind sie deswegen noch lange nicht, weil es letztlich dieselben hochgezüchteten Sorten sind.

Besinnen wir uns also einmal zurück – und erfreulicherweise tun das immer mehr Menschen.

Wo kommt es her, unser Obst? Im Falle der Kultivierung von Äpfeln haben wir es den Griechen und vor allem den Römern zu verdanken. Sie wußten bereits über die Mischerbigkeit und die Kunst einer vegetativen Vermehrung, und es war ihnen somit vergönnt, zu selektionieren und sortenrein zu vermehren.

Mit der „Capitulare de Villis“ Karls des Großen erlebte der Obstanbau eine neue Ära und wie bei so vielem sorgten schließlich auch die Klöster des Mittelalters für eine Weiterentwicklung.
Mit der Intensivierung im 19. Jahrhundert kam es dann zu einem sprunghaften Anstieg in der Zahl der Sorten. Man schätzt, das es weltweit etwa 30000 Apfelsorten gibt, allein über 2000 davon in Deutschland. Aber wo bitte sind sie denn? Dort wo sie schon immer waren:

Kennt ihr sie noch? Die Äpfel bei der Oma im Garten? Saftig und knackig und mit einer guten Säure ausgestattet. Da hat man mit Wonne und Genuß hineingebissen, und zwar dann, wenn diese Äpfel reif waren, und nicht in irgendeine nichtssagende, mehlige Lagerware.

Die Sortenvielfalt kam vor allem auch dadurch zustande, dass die Äpfel auf lange Lagerfähigkeit und regionale Eignung selektioniert wurden, schließlich gab es den globalen Obsthandel und die Lagermöglichkeiten der heutigen Zeit noch nicht. Da mußte der Keller herhalten, es wurde Saft daraus bereitet oder anderweitig konserviert durch z.B. Dörren und es wurde natürlich nach Herzenslust frisch vom Baum konsumiert.
Most war insbesondere bei der hart arbeitenden ländlichen Bevölkerung schon praktisch ein Grundnahrungsmittel, und so entstanden daraus einige der besten Mostapfelsorten, die noch bis heute große Bedeutung haben.

Walter Hartmann erwähnt in seinem „Farbatlas Alte Obstsorten“:

[…] Der Jahresverbrauch einer vierköpfigen Familie vor 100 bis 150 Jahren wird auf sechs bis neun Eimer Most geschätzt, das sind 1800 bis 2900 Liter.[…] [1]

 

Mit dem Beginn der Industrialisierung sind vieler dieser alten Sorten in Vergessenheit geraten und verschwunden – ein unwiederbringlicher Verlust. Schließlich sind auch Obstsorten Zeugen einer landeskulturellen Geschichte.

Umso erfreulicher, dass man sich heute wieder ihrer Bedeutung, sowohl in kultureller als auch ökologischer Hinsicht, bewußt wird, und viel dazu beigtragen und unternommen wird, um die Biodiversität zu erhalten.
Spezielle Förderprogramme der Regierungen tragen zum Erhalt wertvoller Streuobstwiesen bei und nicht zuletzt haben vor allem die Tausende Kleinbrenner und Moster einen entscheidenden Anteil daran, dass wertvolle Sorten erhalten und immer wieder neue Flächen aufgeschult werden. Sortenerhaltungsgärten und Obstbauvereine, sowie staatliche Institutionen bemühen sich ebenfalls nach Kräften, den Genpool zu erhalten und weiter auszubauen. Dabei fließt sehr viel Arbeit unter anderem in die Bestimmung der einzelnen Obstsorten und deren Beschreibung.

Schauen wir uns einmal eine typische alte Sorte anhand eines Beispiels an:

Rheinischer Bohnapfel

Man findet ihn auch öfters unter einfach nur „Bohnapfel“ oder „Großer Bohnapfel“

Er wurde zwischen 1750 und 1760 am Nierrhein entdeckt und bereits 1797 in Schriften beschrieben.

Er gilt als Aromaträger und ist eine der besten Apfelsorten für die Weiterverwendung. Durchaus auch für höhere Lagen geeignet, allerdings kann es sein, daß er dann nicht ganz ausreift.

Die Baumreife liegt je nach Jahr und Lage zwischen Mitte Oktober und Anfang November, aber er zeichnet sich durch eine gute Lagerfähigkeit bis in den Juni hinein aus.
Gelblich-weißes Fruchtfleisch, sehr fest und mit saftig-säuerlichem Geschmack.
Etwas schorfanfällig, aber ansonsten eine sehr robuste, widerstandsfähige Sorte.

Wer sich mehr mit alten Sorten befassen möchte oder gar auf der Suche nach Sorten für den eigenen Garten oder die Streuobstwiese ist, dem seien die unten angegebenen Weblinks ans Herz gelegt.

Viel Spaß beim Stöbern und Entdecken!

Zum Abschluß noch ein superleckeres Rezept [Quelle: Silke Leopold]:

Apfelstrudel-Füllung:

Zutaten:

  • circa 430g entkernte und geschälte Äpfel
  • 1 reife Banane
  • etwas Zitronensaft
  • 1 Handvoll Rosinen
  • etwas Zimt
  • etwas Vanille
  • 1 EL Flohsamenschalen

Zubereitung:

Äpfel grob raspeln und die Banane mit einer Gabel zerdrücken. Alles zusammen mit den restlichen Zutaten mischen und detwas durchziehen lassen.

Schmeckt schon fantastisch einfach nur so für sich, man kann aber natürlich mit der Masse auch so einiges anstellen. Als Füllung für einen Fruchtleder-Apfelstrudel z.B. Als morgendliches Müsli mit vielleicht noch etwas Buchweizen oder Quinoa, oder aber tatsächlich in einen richtigen Strudelteig verpackt.
Das Rezept läßt sich auch beliebig mit anderen Obstsorten gestalten – da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Laßt es euch schmecken – guten Appetit!


Literaturverweise:

[1] Walter Hartmann: Farbatlas Alte Obstsorten. Ulmer Verlag, Stuttgart. 5.erweiterte Auflage 2015, ISBN 978-3-8001-0316-4, S. 13

Weblinks:

[1] http://www.bundessortenamt.de/internet30/index.php?id=241&L=0

[2] http://www.obstsortendatenbank.de/

[3] http://www.deutschlands-obstsorten.de/do/mainhtml/index.html