Wildkräuterkunde Teil 1: Scharbockskraut – das Vitamin C Wunder

Geschichtliches:

Das Scharbockskraut ist einer der ersten Vorboten des nahenden Frühlings. Seine glänzenden und anmutigen Blätter, die sich über den Boden erstrecken und die später dann folgenden, mindestens ebenso glänzenden, fast wachsartig überzogenen gelben Blüten lassen einen schnell die Unbilden eines tristen Winters vergessen.

Sogar so sehr, dass ein Poet des 19. Jahrhunderts – William Wordsworth – sich beflissen fühlte, mehrere Gedichte zu Ehren der Pflanze zu verfassen, unter anderem dieses:

“There is a Flower, the lesser Celandine,
That shrinks, like many more, from cold and rain;
And, the first moment that the sun may shine,
Bright as the sun himself, ‚tis out again!” 
[…] [1]

(Anm: „Es gibt eine Blume, die kleinere Celandine,
Das schrumpft wie viele andere vor Kälte und Regen;
Und der erste Moment, in dem die Sonne scheint,
Hell wie die Sonne selbst, ‚ists wieder draußen!‘ […] [1])


Dass das Scharbockskraut vor allem von Seeleuten eingesetzt wurde, um den gefürchteten Skorbut zu bekämpfen, ist hinlänglich bekannt.

Eine Abbildung des Scharbockskrauts erscheint unter dem Namen „Erdöpffel“ in einem alten deutschen Kräuterbuch von 1533: „Rhodion´s Kreutterbuch.“

Beweis genug, dass die Pflanze im ausgehenden Mittelalter den Kräuterkundigen sehr wohl bekannt war.

William Turner ist ein weiteres Beispiel. Er erwähnte Ficaria verna erstmals 1548 in „The names of herbes“.

Eanunculus Ficaria, L. Fygwurt. […] The second kynde called in latine Chelidonium minus, is called in englishe Fygwurt, it groweth vnder the shaddowes of ashe trees. It is one of the fyrst herbes that hath floures in the spring.  […] [2]
(Anm.: Die zweite Art heißt im Lateinischen Kleiner Chelidonium, im Englischen Feigwurz, es wächst im Schatten von Eschenbäumen. Es ist eines der ersten Kräuter, die im Frühjahr Blüten haben.)

Es gibt aber auch noch eine ganze Reihe andere, sehr interessante und spannende Details zu der Pflanze:

In Wales z.B. diente das erste Erscheinen des Scharbockskrauts als Signal, mit der Saat zu beginnen.

Kerner, in “Natural History of Plants”, erzählt uns Folgendes:

„Ein plötzlicher, heftiger Regen in einer Region, die reichlich mit Scharbockskraut überwachsen ist, reicht aus, um die Anzahl der Knollen (Anm.: damit sind die Brutknöllchen gemeint) wegzutreiben und sie an den Grenzen der Bewässerungskanäle aufzuhäufen, wenn sich der Regen verteilt. An solchen Stellen ist die Menge der angehäuften Knollen oft so groß, dass man sie kaum in den Händen halten kann. Auf diese Weise entstand die Vorstellung, dass die Knollen mit dem Regen und damit dem Mythos eines Kartoffelregens vom Himmel gefallen seien.
Diese Tatsache erklärt sich wahrscheinlich auch für die „Weizenregen“, die manchmal von Landleuten in verschiedenen Teilen verbürgt werden.“
[…]

Spannend, oder? Aber machen wir einfach noch mal einen immensen Satz rückwärts auf unserer Zeitschiene.

Die Ausgrabungen in Colonsay/Oronsay ( Schottland) brachten erstaunliche Funde des Mesolithikums (hier ca. 7000 v.Chr) zutage. Unter anderem auch diese hier:

[…] Sorgfältige Rückgewinnung und Analyse hat auch verkohlte Samen und das Fleisch von Äpfeln, verkohlte Samen von Hackschnitzeln, verkohlte Algen und verkohlte Knollen und“ Bulbillen „(kleine Schwellungen an der Kreuzung von Stängeln und Blättern) des Scharbockskrauts (Ranunculus ficaria), einem Mitglied der Hahnenfußgewächse, identifiziert. Die Häufigkeit des Scharbockskrauts deutet darauf hin, dass diese Pflanze absichtlich gesammelt wurde, anstatt versehentlich in die Ablagerung einzudringen. Ethnographische Berichte beschreiben, wie es sowohl als Kräuteraroma für Lebensmittel als auch für medizinische Zwecke verwendet wurde. […] [3]

Ein ähnlicher Fund ergab sich bei der Untersuchung eines mittelneolithischen Brunnens von Oldenburg-Dannau LA 77. Im 31. Jahrhundert v. Chr. wurde er mit verschiedenen Siedlungsabfällen, Tierknochen, verkohlten Pflanzenresten und archäologischen Artefakten, wie Mahlsteinen, Flintäxten und Keramik, verfüllt.
Die dabei gefundene große Zahl von 1600 Resten von Wildkräutern ist bisher einzigartig für die neolithischen Fundplätze in Norddeutschland. Ein Vertreter davon war unter anderem auch das Scharbockskraut:

„Ergänzend zu den dort genannten Arten können zwei weitere als Sammelpflanzen ausgewiesen werden: Da die verkohlten Reste von Glatthafer in der Form bulbosum (Arrhenatherum elatius var. bulbosum) und vom Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) in Siedlungsschichten nachgewiesen wurden, ist davon auszugehen, dass sie wohl  ebenfalls zu Nahrungszwecken gesammelt wurden.“ [4]

 

Nun aber zum Steckbrief:

Familie:

Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae)

Synonyme:

Feigwurz, Frühjahrs-Scharbockskraut

Vorkommen:

vorrangig Europa, Westasien und Nordafrika

Standort:

Laubwälder und Gebüsche, feuchte Feld- und Heckenränder und humose Wiesenflächen, Gewässerböschungen
Es bevorzugt Halbschatten und dient als Stickstoffanzeiger

Hauptblüte:

Anfang März bis Ende Mai

Erntezeitpunkt:

ab erstem Erscheinen etwa Februar bis zur Blüte

Vermehrung:

fast ausschließlich vegetativ durch Brutknöllchen

Bestimmungsmerkmale:

  • Blätter langgestielt
  • halbrosettenförmig wachsende Pflanze
  • Blatt herz- bis nierenförmig, schwach gekerbt
  • oberseitig sehr stark glänzend grüne Blätter
  • ebenfalls stark glänzende, gelbe, sternförmige Blüten
  • 8-12 Blütenblätter mit Nektardrüsen
  • 3 anliegende Kelchblätter
  • Blütenstengel hohl
  • Blattstengel mit 2 Hohlkammern

Inhaltsstoffe:

  • Vitamin C,
  • Anemonin,
  • Protoanemonin,
  • Saponine
  • Gerbstoff

Heilwirkung:

  • Frühjahrsmüdigkeit,
  • Vitamin C Mangel,
  • Hautunreinheiten,
  • Hämorrhoiden (Sitzbad oder als Creme),
  • Warzen,
  • Blutreinigend

 

Und noch eine Besonderheit, die Mrs. M. Grieve in „The Modern Herbal (1931)“ so beschreibt ( ihr könnt ja mal schauen, ob es stimmt):

„[…]Die Blüten sind geschlossen vor dem Regen und öffnen sich auch bei schönem Wetter nicht vor neun Uhr. Um 17 Uhr haben sie sich schon für die Nacht verschlossen. Der keltische Name der Pflanze, Grian (d. h. Die Sonne), bezieht sich auf diese Gewohnheit.[…]“ [5]


Gefahrenhinweise:

Als Hahnenfußartige Pflanze enthält auch das Scharbockskraut Protoanemonin. Anfangs nur schwach vorhanden, lagert es sich ab der Blüte vermehrt in allen Teilen ein.
Als Faustregel gilt die Empfehlung, die Pflanze ab der Blüte nicht mehr roh zu verzehren. Dies sind jedoch durchaus fließende Übergänge und von Standort zu Standort abweichend.

Wer auf Nummer Sicher gehen möchte, probiert zunächst ein Blatt und läßt den Geschmackssinn entscheiden.
Protoanemonin verleiht einen widerwärtig bitteren und vor allem sehr unangenehm brennend-scharfen Geschmack. In dem Fall ist von einem Verzehr abzuraten.

Man kann Protoanemonin jedoch durch Trocknung oder Kochen unschädlich machen.

Es sollten ergo auch in eher gemäßigte Mengen zur Verwendung kommen. Bei Überdosierung können Magenreizungen, Magen-Darm Beschwerden, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen auftreten.

Verwechslungsgefahr mit anderen Pflanzen besteht während des Erntezeitraums nicht.


Verwendung:

Blätter:

Kräutermischungen, Salate, Dressings, Bratlinge, Gemüsegerichte, Saucen, Suppen, Wildpflanzensalz, Kräuteröl, Kräuteressig, Gewürzsalz, Pesto

Knöllchen:   

Getreideersatz, in Beilagen gemischt

Ganze Pflanze:

Sud als Waschung bei Hauterkrankungen, Sitzbäder oder Kompressen bei Hämorrhoiden


Rezepte:

Gebratene Brutknöllchen:

Die Brutknöllchen haben einen angenehm nussigen Geschmack. Sie sind sehr kohlehydratreich. Man kann sie hervorragend wie Getreide kochen und angeröstet  mit Olivenöl und Meersalz zu Baguette reichen. Zum Beispiel auch in Kombination mit Antipasti oder als Topping auf einem bunten Salat.


Frühlingskräuter-Cashew-Quark:

Zutaten:

  • 2 Tassen eingeweichte Cashews
  • 1 Zitrone (Saft)
  • Salz und Pfeffer nach Belieben
  • etwas Wasser
  • 2 Frühlingszwiebeln ( alternativ auch Zwiebeln oder Schalotten)
  • Wildkräuter (Scharbockskraut, Vogelmiere, Knoblauchsrauke…)

Zubereitung:

Die Cashews mit dem Zitronensaft, Salz und Pfeffer zu einer geschmeidigen Masse vermixen. Vorsichtig mit dem Wasser zu Werke gehen – wir möchten ja einen Quark, keinen Joghurt 😉
Über Nacht bei Raumtemperatur stehen lassen, damit es etwas fermentiert.

Am nächsten Tag dann die kleingeschnittenen Kräuter und Zwiebeln untermischen und im Kühlschrank durchziehen lassen. Nach eigenem Gusto noch mal abschmecken und genießen.

Schmeckt himmlisch zu Ofenkartoffeln, als Dip oder in Wraps.

 


Literaturverweise:

Rudi Beiser: Unsere essbaren Wildpflanzen. Bestimmen, sammeln und zubereiten. Kosmos Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-440-13605-8, S. 152.

Steffen Guido Fleischhauer, Jürgen Guthmann, Roland Spiegelberger: Enzyklopädie Essbare Wildpflanzen. AT Verlag, Aarau 2013. 3.Auflage 2016. ISBN 978-3-03800-752-4, S. 141.

Weblinks:

[1] http://www.bartleby.com/145/ww268.html
Bartlby.com, Great Books online: William Wordsworth. The Small Celandine 1888

[2] https://archive.org/stream/namesofherbesad100turnuoft/namesofherbesad100turnuoft_djvu.txt

[3] http://www.scottishheritagehub.com/content/61-mesolithic-lifestyles

[4] http://www.monument.ufg.uni-kiel.de/projekte/differenzierung-von-landwirtschaft-und-umwelt/laufende-arbeiten/#sammelpflanzen

[5] https://www.botanical.com/botanical/mgmh/c/celles44.html